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Von ‚zu dick’ zum alpinen Ultramarathon (Teil 2/3)

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Eine Leidenschaft, die verbindet: Michalis (rechts) und David

Dies ist der zweite Teil eines Erfahrungsberichts zur Teilnahme an einem alpinen Ultramarathon mit 128km Länge, der den Autor in fast 30 Stunden über Stock und Stein, Wald und Wiese führte. Der Artikel ist Zeugnis, wozu etwas Übergewicht und ein brennendes Verlangen führen können. [Lesezeit: ca 15-20 min]

Teil 1 des Artikels finden Sie hier.

Der Tag des großen Rennens!

Nach der Arbeit am Freitag bin ich mit meinem guten Freund Michalis losgedüst, um die vor uns liegenden ca. 250km hinter uns zu bringen und nicht zu spät ins Bett zu kommen. Die Veranstalter der Rennens hatten für die Teilnehmer Schlafmöglichkeiten organisiert, nämlich in der lokalen Dorfschule. Die Klassenzimmer wurden somit in Schlafräume für ca. 20 Läufer pro Saal umfunktioniert, in denen man Feldbetten aufgestellt hatte. Zum Glück hatte mein Kumpel ein extra Set Ohrstöpsel dabei, denn die hatte ich vergessen. Ein 128km Rennen nach einer wegen Schnarchkonzerten schlaflosen Nacht: das wäre was gewesen.

Um 4h morgens hieß es dann nach 4 Stunden Schlaf wieder raus aus den Federn. In der Aula der Schule gab es etwas warmen Tee & Kaffee, Weißbrot, Honig und Käse. Dann machten wir uns auf den Weg in den Start-/Zielbereich um die Ecke. Der große Augenblick war gekommen und natürlich stellte man sich Fragen wie: „Was mache ich hier eigentlich?“, „Wie wird das wohl, wenn wir später die komplette Nacht im Wald laufen werden?“ etc etc. Aber auch sehr positive Gedanken waren natürlich vorhanden: „Endlich ist es soweit!“ oder „Jetzt wird es sich zeigen!“.

Der Countdown begann und dann ging es los, am 13.10.2012 um 6.00h morgens, mit etwas unter 300 Weggefährten (Hinweis für die, die’s interessiert: die Videos wurden mit einer GO PRO HD Hero2 Outdoor Edition aufgenommen, jedoch ohne die Kopfhalterung, was zu den oftmals verwackelten Videos führte):

 

An sich war ich mehrmals recht verwundert, denn die km schienen schneller vorüber zu ziehen als ich mir das vorgestellt hätte. Mein Ziel war ja nicht, um die ersten Plätze zu laufen, sondern dieses Rennen überhaupt zu schaffen. Das sollte schwer genug werden, denn neben dem Potential für Probleme mit Gelenken etc., was einem zum Aufgeben zwingen kann, gibt es ja auch noch mehrere Zeitlimits, die man erreichen muss.

Nachfolgend ein paar kurze Videos mit Eindrücken der ersten 50 km:

 

 

 

 

 

Alles läuft nach Plan, oder?

Im Training hatte ich, wie im ersten Teil geschrieben, ein wenig Probleme mit meinem rechten Knie und konnte nur hoffen, dass es sich artig verhalten würde, wenn ich im Gegenzug versuchen werde, keine Dummheiten zu machen – ich also versuchen würde, einen ordentlichen Laufstil an den Tag zu legen, v.a. wenn es bergab gehen würde. Ich kann jetzt schon vorwegnehmen, dass mein Knie seinen Teil der ‚Vereinbarung’ erfüllt hat, auch wenn ich selber gerade zum Ende hin, als die Kräfte schwanden und der Laufstil unsauber wurde, oftmals vielleicht nicht meinen Teil dazu beitrug.

Interessanterweise hatte das Problem mit dem Knie während dem Training zu einer Art Paradoxon geführt: ich freute mich über die bergauf Passagen! Wieso das? Na ja, weil es beim Bergauflaufen eher unwahrscheinlich ist, dass man falsch läuft (also mit den Fersen zuerst aufsetzt) und so riskiert, dass die dadurch auf das Knie einwirkenden Schläge Probleme mit dem Knie erzeugen würden.

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Gute Laune, noch. Doch ziehen da schon ‚dunkle Wolken‘ auf?

Wie gesagt: irgendwie verging die Zeit wie im Flug und v.a. in den bergauf Passagen hatte ich wohl ein recht flottes Geh-/Trabtempo drauf (ja, schnell Gehen, denn mehr ist bei Hobbyläufern bergauf in der Regel nicht drin und außerdem gilt es, bei so einem Rennen auch mit den Kräften zu haushalten). Das merkte ich daran, dass ich meinen Laufkumpanen Michalis regelmäßig auf 50-100 Meter abgehängt hatte. Auf jeden Fall kann ich sagen, dass wir bis zur ersten großen Versorgungsstation bei km 54 für unsere Verhältnisse sehr gut unterwegs waren, auch wenn wir auf dem Weg und bei vorausgegangenen kleineren Versorgungsstationen die eine oder andere Minute verplemperten, die uns danach – wie ich noch schreiben werde – fehlen sollte.

Bei km 54 und 94 hatten wir die sogenannte drop bags hinterlegen lassen, die wir vor dem Rennen mit Utensilien wie Kleidung, ‚Energieriegel’ etc. füllen konnten, um sie dann an den beiden genannten Versorgungsstationen in Empfang zu nehmen und uns entsprechend auffüllen bzw. an eventuell veränderte Wetterbedingungen mit Kleidung reagieren konnten.

Nachfolgend ein kurzes Video von der ersten großen Verpflegungsstation bei km 54. Die Welt war da noch in Ordnung. Wir wussten zu dem Zeitpunkt noch nicht, dass sich das bald ändern sollte…

 

Eine Frau mit Hindernissen und ein moralisches Dilemma

An der Versorgungsstation bei km 54 fingen dann also die ersten Herausforderungen an.

Das erste Thema, das anfing mich zu beschäftigen, war das Thema Ernährung während eines so langen Rennens. Wie im ersten Teil schon beschrieben, bin ich ein Fan der Paleo – Diät bzw. der ganzen Philosophie, die dahinter steht. Nun sind die sogenannten Energiegels nicht gerade das, was man ein natürliches Produkt bezeichnen würde. Ich habe in der Vergangenheit und bei kürzeren Rennen die Erfahrung gemacht, dass mir diese Gels ziemlich auf den Magen schlagen. Ein Blähbauch ist in der Regel die Folge und ich kann die Nachfolgen an den nächsten 1-2 Tagen noch auf dem stillen Örtchen spüren… Man kann sich vorstellen, dass ein 128km Lauf unter diesen Umständen nicht gerade ideal ist für den Magen.

paleo-ernaehrungsplan

[Kleiner Exkurs] Achtung, es folgt Information, die eventuell unter die Rubrik: „Ah, zu viel Informationen!!“ fällt. Empfindliche Gemüter mögen den kommenden Absatz einfach überspringen. Aber da viele Ultraläufer das Thema sicherlich kennen und es mit einem Schmunzeln lesen werden und man Ultraläufer auch immer fragt: „Ja, und wie machst Du das mit dem Auf-die-Toilette-Gehen?“ gehört es inhaltlich irgendwie auch dazu.

Nach dem warmen Essen war es also soweit: mein Magen-Darm-Trakt meldete sich und ich wusste: dem komme ich nicht aus. Ich suchte mir also schnell eine ruhige Ecke hinter Büschen und Sträuchern. Und was ich da ‚erleben’ durfte, war wirklich nur etwas für starke Nerven. Diese ganzen industriellen ‚Lebens’mittel wie Gels etc hatten scheine ganze Arbeit geleistet und meinen Mageninhalt ordentlich bearbeitet. Die Kuhaufen neben mir waren geradezu Kinderfasching! Also so etwas hatte ich ja noch nie erlebt; auf so etwas war ich ja psychologisch gar nicht vorbereitet! Als Fan des Hocksitzes konnte ich aber wenigstens auf eine ordentliche Entleerung hoffen, sodass ich danach eine Zeit Ruhe haben sollte. Soweit zumindest die Theorie. Die Realität, wie sich später noch zeigen sollte, war komplett anders… [Ende des kleinen Exkurses]

Es war nun also nach 19:00h und die Nacht war fast hereingebrochen. Als wir aufbrechen wollten, baten uns ein paar der freiwilligen Helfer, uns doch einer Mitläuferin anzunehmen bzw. diese mit uns mitzunehmen. Sie hatte ein wenig Probleme mit dem Knie und da wir die letzten waren, die innerhalb des Zeitlimits noch unterwegs waren, kam hinter uns niemand mehr nach. Da es nun in den tiefen Wald ging, bat man uns also sicher zu stellen, dass wir die Mitläuferin nicht alleine lassen. Ohne wirklich darüber nachzudenken sagten wir zu und machten uns auf den Weg. Die Strecke führte gleich über eine deutliche Strecke recht steil nach oben. Das war in der Tat ein Problem für unsere Begleitung, denn ihre Knie schmerzten und man darf sagen, dass sie uns deutlich ausbremste… Wie man sich vorstellen kann, waren wir darüber alles Andere als glücklich, aber wir ließen uns das nicht anmerken. Mein Kumpel zog es vor, ab und an mal einen kleinen Spurt einzulegen und sein hinten am Kopftuch angebrachtes rotes Blinklicht verschwand mehrmals im tiefen Dunkel des Waldes.

 

Ich wusste also oftmals nicht genau, ob er sich aus dem Staub gemacht hatte, auch wenn ich ihn nicht als solchen Typen einschätze und ich es ihm, ganz ehrlich, auch nicht übel genommen hätte. Es reichte, wenn einer von uns beiden durch unsere Begleitung in Zeitschwierigkeiten kommen sollte. Was mich daran am meisten gestört hätte wäre die Tatsache, dann ab einem gewissen Zeitpunkt alleine in der Dunkelheit im Wald unterwegs sein hätte müssen – nämlich wenn ich irgendwann dann hoffentlich den nächsten Stopp erreicht hätte um die Mitläuferin dort in die versprochene Sicherheit zu übergeben. Nennt mich einen Feigling, aber ich kann mir ehrlich gesagt etwas Angenehmeres vorstellen, zumal man uns darauf hinwies, dass es in der Gegend natürlich auch Bären gibt. Außerdem weiß ich aus anderen, mehrstündigen Rennen, dass man sich in der Einsamkeit psychologisch viel schwerer tut: man ist mit sich und seinen Gedanken alleine und oftmals, wenn man sich plagen muß, sind dann die Gedanken des Aufgebens schnell da. Damit habe ich oftmals bei Ultra-Trailrennen zu kämpfen, obwohl es nicht im Wald und nicht im Dunkeln stattfindet. Ich musste also die Einsamkeit im Wald auf jeden Fall vermeiden!

Zurück zu meiner/unserer Begleiterin:

Sie merkte natürlich, dass sie mich/uns aufhielt und bestand darauf, dass wir nicht auf sie warten sollen; schließlich habe sie auch letztes Jahr schon an diesem Rennen erfolgreich teilgenommen (in 2011 waren es 110 statt 128 km) und sei die halbe Nacht im Wald alleine unterwegs gewesen. Aaaaaah….. was für ein moralisches Dilemma!! Sollte ich sie alleine lassen und davon ausgehen, dass ihr nichts zustößt? Oder sollte ich meiner moralischen Verpflichtung nachkommen und beten, dass ich trotzdem noch im Zeitlimit sein würde??

Hier kam mir dann ein kleiner Zufall zu Hilfe: ich war der Annahme, dass das nächste Zeitlimit erst um 4:15h morgens war (die Uhrzeit war zu dem Zeitpunkt ca. 20.00h). Was ich nicht wusste war, dass schon der nächste Stopp auf den wir zusteuerten ein Zeitlimit hatte: 21:00h! Hätte ich das gewusst, hätte mich dieses moralische Dilemma wahrscheinlich in die Verzweiflung getrieben. Noch etwas kam hinzu, das mich mehr oder weniger ‚cool’ mit der Situation umgehen ließ. Irgendetwas in mir sagte mir, dass ich, wenn ich meiner moralischen Verpflichtung nachkommen und die Dame nicht im Stich lassen würde, nicht dafür bestraft sondern wenn dann belohnt werden würde – nicht in Form einer Extramedaille sondern in Form von extra Energie, die ich noch irgendwie freisetzen werden könnte. Es durfte einfach nicht sein, dass ich mich moralisch richtig verhalte und mich das Schicksal damit ‚belohnt’, ausgeschlossen zu werden!! Oder??

Ich musste mich allerdings stark beherrschen als unsere Begleiterin bei einem Bergabstück ihr plötzlich klingelndes Handy beantwortete. An sich kann man ja auch laufen und telefonieren, aber in diesem Falle waren wegen des Gefälles und größeren ‚Stufen’ im Waldboden zwei Hände für den Stockeinsatz notwendig. Daher legte sie ihre Stöcke beiseite, kramte ihr Handy aus dem Rucksack und telefonierte… „Häh?? Halloooohoooo!!“ Nein, das war nicht was sie ins Handy rief sondern was ich mir innerlich dachte bzw. ich sie gedanklich geradezu anbrüllte. Was sollte denn das jetzt? Sie weiß doch ganz genau, dass sie mich ausbremst; musste sie da jetzt auch noch telefonieren? Zum Glück gab sie nur Bescheid, dass sie später zurückrufen werden und jetzt gerade keine Zeit habe, dass es ihr aber gut gehe.

Ein Dilemma kommt selten allein

Wir liefen also weiter, und nach einer Zeit war der starke Anstieg zu Ende. Glücklicherweise konnte unsere Begleitung dann wieder besser laufen. Sie meinte, dass wohl die Schmerztablette, die man ihr gegeben habe, Ihre Wirkung zeige. Gott – sei – Dank!! Mein Kumpel Michalis war auch wieder vor uns aufgetaucht, nachdem er zwar vorausgelaufen war, dann jedoch wieder auf uns gewartet hatte. Und dann hatten wir Glück im Unglück: vor uns konnten wir nach einer kurzen Weile ein paar Läufer ausmachen, die wir Schritt für Schritt einholten. Halleluja…!! Wir konnten die Läuferin in die Obhut Anderer übergeben!

Ich weiß nicht mehr genau, wie viele km wir noch vor uns hatten bis zum nächsten Stopp, aber wir sind auf jeden Fall los gespurtet, so sehr es der Untergrund und unser Fitnesslevel zuließ. Hier passierte uns zwei Mal etwas Ärgerliches: Auf dem Weg zur nächsten Zeitmessung kamen wir an 2 Posten vorbei, von denen wir dachten, sie wären die, an denen unsere Zeit gemessen wird. Man lud uns ein, uns hin zu setzen und uns auszuruhen. An einem Posten lud man uns auch ein, ein Bierchen zu trinken. Beide waren aber lediglich normale Kontrollposten, an denen man unsere Nummer notierte. Die Helfer dort waren vermutlich nicht informiert, dass es vor uns ein Zeitlimit gab und wussten somit wohl nicht, dass wir eh schon knapp dran waren. Als wir dann jeweils rausfanden, dass es eben nicht der Stopp mit der eigentlichen Zeitmessung war, haben wir natürlich jedes Mal unsere Beine in die Hand genommen und sind weiter gerannt – natürlich begleitet von einer gewissen Entrüstung unsererseits, warum man uns denn aufhalte statt anzutreiben, wo die Zeit doch eh schon knapp war…

Letztlich haben wir das Zeitlimit von 21:00h dann aber auch geschafft, wenn auch mal wieder knapp.

Ohne Schweiß kein Preis

So ging es dann weiter bis zum nächsten großen Versorgungspunkt bei km 94. Ein interessantes Erlebnis auf dem Weg dahin war ein kurzer Stopp mitten im Wald. Umgeben von Dunkelheit und undefinierbaren Geräuschen ab und an: das war schon ein interessantes Erlebnis. Wir haben uns dann entschlossen, mal kurz unsere Stirnlampen auszumachen. Bumm! Absolute Dunkelheit, sowie absolute Stille! Das sind zwei Aspekte, die man irgendwie in der Form gar nicht wirklich kennt, zumindest ich nicht. Eindrucksvoll und durchaus beunruhigend zur gleichen Zeit. Leider kommt das im folgenden Video nicht so gut rüber, wie in Wirklichkeit.

 

Wir kamen also beim zweiten großen Versorgungsstopp um etwas nach 03:00h morgens an. Wir wussten, dass das nächste Zeitlimit beim nächsten kleineren Verpflegungspunkt lag. Dieser war 6km entfernt. Normalerweise kann man das in der Dunkelheit und bergab, denn das waren die Gegebenheiten, in unter einer Stunde schaffen. Daher hatten wir uns vorgenommen, nicht viel Zeit bei der großen Versorgungsstation zu verbringen, idealerweise nur 10-15 Minuten. Leider haben wir über eine halbe Stunde dort verbracht, denn wir hatten uns entschlossen, Kleidung zu wechseln, also vor allem verschwitzte gegen trockene Kleidung. Außerdem wollten auch die Füße vorsorglich ein wenig mit Eisspray und Gehwohl Fußcreme versorgt werden (kleine Randbemerkung: die Firma Gehwohl hatte ein kleines ‚Versorgungspaket’ gesponsort in dem auch die Fußcreme war. Ich kannte diese bis dato nicht, hatte mir aber vor dem Rennen von einem Läufer sagen lassen, dass sie sehr gut sei. Ich kann das nur bestätigen). Nicht zuletzt gab es an dieser Versorgungsstation auch wieder richtiges Essen, also Reis, etwas Fleisch, Suppe etc. Das Wechseln der Klamotten dauerte aber schon über 20 Minuten, sodass plötzlich die Zeit knapp wurde. Wir stopften uns also schnell noch ein wenig Essen hinter die Kiemen, um dann um 3:38h loszulaufen und das Zeitlimit von 4:15h am 6km entfernten nächsten Stopp zu erreichen.

6km, Dunkelheit, unbekannte Streckenführung… wir wussten einzig, dass die Strecke bergab ging. Zur Verfügung stehende Zeit: 37 min. Plötzlich war die Panik schlechthin da! Wir wussten, dass wir ungefähr mit 12km pro Stunde laufen mussten, um eine Chance für das Zeitlimit zu haben. Und wir rannten los wie die Verrückten. Wir überholten Andere vor uns, die uns nachriefen, wir sollten uns nicht den Hals brechen. Die Strecke: alles andere als günstig für schnelles Laufen, also faustgroße Steine und Serpentinen. Zweifellos war ich derjenige, der auf die Tube drückte und Michalis regelmäßig abhängte, sodass ich ab und an kurz auf ihn wartete. Es konnte… nein, es durfte einfach nicht sein, dass wir 100km laufen und dann an diesem Zeitlimit scheitern! Das allein war Antrieb genug um zu sagen: ok, wir laufen auf Teufel komm raus und dann wird das schon irgendwie hinhauen.

Plötzlich, mitten im Bergabspurt: Bauchschmerzen. Diese waren so stark, dass ich kurz innehalten musste, bis sie nach etwa 10 Sekunden wieder vorbei waren. Was war das denn jetzt?? OK, normalerweise habe ich immer ein wenig Beschwerden wenn ich mich bei einem Rennen mit Energiegels und Elektrolytgetränken versorge. Konnten diese plötzlich auftauchenden Bauchschmerzen damit zusammenhängen? Hatte ich vielleicht meinen Magen nicht ausreichend auf diese Art von ‚Nahrung’ vorbereitet, bzw. die in einem so langen Rennen aufgenommene Menge? Oder war es der Stress, das Zeitlimit unbedingt schaffen zu wollen, auch wenn es etwas aussichtslos schien? Oder eine Kombination aus diesen Aspekten? Was auch immer es war: es war etwas Besorgnis erregend. Erst später, nach dem Rennen, wurde mir klar, dass es wahrscheinlich an Magnesiumpulver lag, das ich an Versorgungspunkten eingenommen hatte. Magnesium hat bei Überkonsum eine stark abführende Wirkung… Das Ganze war also umso mehr besorgniserregend, als die Schmerzen in regelmäßigen Abständen auftauchten, also ca. alle 5 Minuten. Jedes Mal zwangen sie mich zum kurzen Anhalten, während ich nach vorne gebeugt meinen Magen hielt und ab und an auch einen Schrei ins Dunkle abgab. Ich merkte auch, dass ich wohl unbedingt eine ‚Toilette’ aufsuchen musste. Aber ich konnte ja nicht, denn wir hatten leider nicht den Luxus, gut in der Zeit zu liegen – genau das Gegenteil!

Dennoch: der unbedingte Wille, irgendwie im Zeitlimit zu sein war nach wie vor ungebrochen. Wie von der Tarantel gestochen rannten wir also weiter, bis wir letztlich bei der nächsten Zeitmessung ankamen. Ich wusste etwa einen km vorher schon, dass wir ziemlich sicher erst nach 4:15h dort eintreffen würden. Uhrzeit bei Ankunft: ca. 4:25h… Neeeeeein!

Ausgleichende Gerechtigkeit

Bei Ankunft wurde uns gesagt, wir sollten erst einmal verschnaufen. Meine Magenkrämpfe plagten mich weiter, auch vor den Streckenposten. Die sahen natürlich, wie wir uns verausgabt hatten, da wir – trotz Temperaturen von gerade mal um die 10 C – verschwitzt und ausser Atem angekommen waren. Vermutlich auch deswegen, aber generell wohl hauptsächlich wegen einer sozialen Einstellung den Läufern gegenüber, hat man uns passieren lassen. Als offizielle Zeit wurde 4:15h angegeben. Auch wenn wir offiziell also nicht im Zeitlimit waren, so sehe ich es letztlich als ausgleichende Gerechtigkeit für die verlorene Zeit durch die Mitläuferin, die wir eine Zeit lang bei uns hatten.

Aber: diese letzten 6km haben Kraft gekostet. Ironischerweise hätten wir uns natürlich das Wechseln der Klamotten am letzten Stopp sparen können, denn nun waren wir ja wieder total verschwitzt… Das war nicht ganz unproblematisch, denn die vergleichsweise kühlen Temperaturen trugen dazu bei, dass mir recht schnell kalt wurde, zumindest auf den ersten Metern nach dem zuletzt passierten Stopp. Dummerweise kam nun auch noch dazu, dass sich meine Magenkrämpfe in einem bestimmten Bedürfnis manifestierten. Auf den verbleibenden knapp 30km sollten also mehr oder weniger regelmäßige ‚Toiletten’gänge zu meinem Begleiter werden. Wie man sich vorstellen kann, ist das in der freien Natur nicht ganz so bequem, auch wenn ich wie oben schon erwähnt an sich absoluter Befürworter des Hocksitzes bin, an dem man in diesem Fall ja nicht herum kommt :)

Es gibt immer jemanden dem es noch dreckiger geht

Gerade die kommenden ca. 7km hatten es in sich: geplagt von Frieren und Magenproblemen folgte nun eine Strecke mit starkem Anstieg von ca. 700 Höhenmetern, die sich unter den gegebenen Bedingungen sehr lange hinzog. Hier begann natürlich auch, was in so einer Situation unweigerlich kommen musste: Zweifel und Gedanken ans Aufgeben kamen in mir hoch. Man verdeutliche sich noch einmal die Situation:

  • bereits 100km unterwegs,
  • 21 Stunden ununterbrochen auf den Beinen,
  • Magenkrämpfe begleitet von Flitzkacke flottem Otto ;)
  • starker Anstieg bei dem es auch ohne Magenprobleme nur langsam und mühsam vorangehen würde,
  • Temperaturen um die 10 Grad C, also kalt genug, um bei nur langsamer Geschwindigkeit und feuchter Klamotten zu frieren,
  • Mitten im tiefen Wald Nordgriechenlands.

Eine nicht gerade optimale Ausgangslage, nicht wahr? Aber: wie ich im Laufe dieses Anstiegs schon bald herausfinden sollte, es gab in der Tat Läufer, denen es noch dreckiger ging. Nach etwa 1 km sahen wir vor uns im Dunkeln ein Licht flackern. „Hah!“, dachten wir, „scheinbar gibt es Leute, die noch langsamer als wir unterwegs sind“. Als wir näher kamen stellte sich heraus, dass ein Mitläufer, der wohl in seinen späten 40ern gewesen sein dürfte, auf dem Weg kauerte, seitlich gegen die Steigung gelehnt. Er ließ uns wissen, dass er sich gerade übergeben hätte und nicht mehr weiter könne. Also schon wieder eine Situation, in der jemand auf unsere Hilfe angewiesen zu sein schien. Natürlich boten wir an, ihn irgendwie mit uns zu nehmen, wenigstens so lange es möglich war oder vielleicht bis der Anstieg zu Ende war. Er wies dies aber vehement zurück, da er uns nicht aufhalten wollte und da er es nicht für sehr wahrscheinlich hielt, dass wir ihn irgendwie mitnehmen könnten. Er bat uns lediglich, den Sanitätern bei der nächsten Versorgungsstation Bescheid zu geben. Diese war freilich noch gut und gerne 5km entfernt…

Als wir nach mehrmaligem Nachfragen also akzeptierten, dass der gute Mann unsere Hilfe nicht annehmen würde, zogen wir wieder weiter. Etwas später sahen wir beim zurück- bzw. nach unten Blicken, dass er sich wohl aufraffen konnte und marschierte, vermutlich wohl nur schleppend. Auch wenn ich nicht weiß, was aus ihm geworden ist und wie sehr er sich noch quälen musste, war es natürlich eine Gewissensberuhigung zu sehen, dass er nicht komplett entkräftet da lag und auf die Sanitäter hoffte. Unsere nächste Mission hieß also, diese Sanitäter zu mobilisieren, auch wenn wir wussten, dass vorausgehende Läufer ihn wohl schon gesehen hatten und selbige Nachricht an die Sanitäter ausrichten würden (in der Tat stießen wir dann, aber eine ganze Weile später, auf 4 junge Männer mit einer Trage, die nach dem Hilfsbedürftigen fragten; zweifellos hatten die Helfer einen anstrengenden Aufstieg vor sich, sollten sie den Läufer in der Tat die gesamte Strecke mit der Trage zurück getragen haben… vielleicht ein guter Zeitpunkt, um die tolle Arbeit der Freiwilligen bei solchen Rennen zu loben und ein riesiges „Dankeschön!“ auszusprechen).

Nach der Situation mit dem oben erwähnten Läufer geschah aber etwas, das mich selber wieder mehr beflügelte: bis dato war ich seit der Aktion mit dem Zeitlimit um 04:15h eher hinter Michalis geradezu „hinterher geschlürft“. Kein Wunder, fühlte ich mich doch wie ein Schluck Wasser in der Kurve. Nach unserer Begegnung mit dem anderen Läufer hatte ich entschlossen, wieder voran zu marschieren und zwar mit strammen Schritten. Ob das nun war, weil mich die noch schlechtere Situation des anderen Läufers oder das Holen der Sanitäter beflügelte: ich kann es nicht sagen. Tatsache war, dass ich voran marschierte. Und es fühlte sich sofort gut an. Meine Magenprobleme hatte ich weiterhin, zumindest in dem Maße, dass ich bis zu km 120 öfter als mir lieb war die Büsche aufsuchen musste. Dennoch ging es nun wieder besser voran.

Das letzte Viertel stand nun also an. Wie würde sich dieses unter den gegebenen Bedingungen gestalten?? Das werdet Ihr im 3. und letzten Teil dieses Artikels erfahren.

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David Altmann_kohlenhydrate tabelleDer Autor, David Altmann, ist felsenfest davon überzeugt, dass ein ausreichend großer Antrieb und der unbedingte Wille praktisch alle Ziele möglich machen können. Als Fan von Napoleon Hill glaubt er an Hills Aussage: „Whatever the human mind can conceive and believe, it can achieve“ (= Was auch immer der menschliche Verstand ersinnen und glauben kann, das kann er auch erreichen).

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